Sonntag, 7. April 2013

Der Osterhase, konstruktivistisch betrachtet

Gibt es den Osterhasen? Er ist scheu, drum sieht man ihn nicht. Und wenn man sich auf die Lauer legt, um ihn zu erwischen, dann kommt er nicht und bringt auch keine Eier. Für meine beiden Töchter ist völlig klar, dass es den Osterhasen gibt, auch wenn man ihn nicht sieht.

Bezogen auf die Lebens- und Erfahrungswelt von Kindern ist die Antwort klar: Ja, es gibt den Osterhasen. Und der Konstruktivist in mir sagt: Jede Welt ist "nur" eine Erfahrungswelt, die durch unsere eigenen Konzepte, mit denen wir sie zu verstehen suchen, mitkonstituiert ist. Insofern ist die Erfahrungswelt von Erwachsenen, in der es keinen Osterhasen gibt, nicht "richtiger" als die Erfahrungswelt von Kindern, in der es einen Osterhasen gibt.

Erwachsene wissen natürlich, dass es nicht reicht, am Karsamstag ein leeres Osternestli mit einem Rüebli vor die Tür zu stellen, damit man am Ostermorgen Eier suchen kann. Es steckt viel Arbeit dahinter, damit der Osterhase kommt. Trotzdem: wer immer in seiner eigenen Erfahrungswelt diese Arbeit tut, der ist, bezogen auf die Erfahrungswelt der Kinder, der Osterhase. Das gilt nicht nur an Ostern: Wer sich einen Bart umhängt und einen roten Mantel trägt und im Dezember zu Kindern spricht, der ist Sankt Nikolaus - genauer: er ist die lebensweltliche Realisation einer konstruierten Figur. Genauso wie ein Schauspieler, bezogen auf die dargestellte Welt, die Figur ist, die er verkörpert.

Wer also Eier bemalt und versteckt, ist die lebensweltliche Realisation des Osterhasenkonstruktes. Das ist etwas völlig anderes als die Kinder für dumm verkaufen: Es bedeutet, die kindliche Lebenswelt ernst zu nehmen. Natürlich weiss, wer mich kennt, dass ich eben nicht nur Konstruktivist bin, und schon gar kein ultraradikaler. Vielmehr vertrete ich die Meinung, dass Erfahrungswelten nicht beliebig konstruierbar sind: sie "Welt an sich" wehrt sich geben manche Konstruktionen und will sie nicht zulassen.

Die "Welt an sich" wehrt sich auch gegen das Osterhasenkonstrukt. Das sieht man daran, dass sich dieses Konstrukt eben nicht von alleine realisiert, sondern den aktiven Eingriff eines Realisators (z. B. mir) erfordert. Und eines Tages merken die Kinder, dass derjenige, der die Eier färbt und versteckt, eben doch nicht Meister Lampe ist.

Das ist ein natürlicher und notwendiger Schritt des Reifungsprozesses. Manche meinen, mit dieser Einsicht, sei bereits der Weisheit letzter Schluss erreicht: den Osterhasen gibt es nicht. Doch dies ist eben nicht der das letzte Wort. Vielmehr ist es einfach eine erwachsene Naivität, welche die kindliche Naivität ersetzt. Eine erwachsene Naiviät, welche das konstruktivistische Moment in der Konstituierung einer Erfahrungswelt ignoriert. Ein weiterer Schritt zur Reife ist es, dieses konstruktivistische Moment zu berücksichtigen, und dann lautet die Antwort: ob es den Osterhasen gibt oder nicht, ist abhängig von der zu Grunde gelegten Erfahrungswelt.

Ob dies schon das letzte Wort ist? Ich bezweifle es. Und ich muss zugeben, ich bin selbst überrascht, dass man einen Artikel zum Osterhasen mit so vielen philosophischen Fremdwörtern spicken kann.

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