Samstag, 9. Februar 2013

Zwei Arten von "Hôtel"

Im "Hôtel des Ville" kann man nicht übernachten, denn es handelt sich dabei nicht um das Stadthotel, sondern um das Rathaus. Selten kann man sich die beiden Bedeutungen von "hôtel" schöner vor Augen führen als an der rue Saint-Antoine in Paris.


Das Marais in Paris ist immer einen Spaziergang wert. Man entdeckt jedesmal neue sehenswerte Ecken, und wenn nicht, kann man sich auch an die bekannten halten. Diesmal habe ich allerdings den Place des Vosges links liegen lassen, habe an der rue Saint-Antoine die Kirche Saint-Paul-Saint-Louis besichtigt und bin schräg gegenüber auf zwei Gebäude gestossen, die sehr ähnlich heissen: das "Sully Hôtel" und das "Hôtel de Sully".

Das französische Wort "hôtel" heisst einerseits, wie im Deutschen, "Hotel", und so kann man im "Sully Hôtel" tatsächlich Zimmer buchen und übernachten. Andererseits ist ein französisches "hôtel" aber auch ein vornehmes städtisches Palais: als "Hôtel de Ville" das öffentliche Rathaus, als "hôtel particulier" ein Stadtpalais wohlhabender Adeliger, Kleriker und hoher Beamter.

Was das ganze speziell macht, ist der äusserliche Kontrast zwischen  dem "Sully Hôtel" und dem "Hôtel de Sully". Ersteres ist ein schmales Haus, ein Kleidergeschäft im Parterre, daneben der Hoteleingang, eine einfache Tür, die Zimmer auf den weiteren Stockwerken. Gewiss, es ist ein Hotel, keine Absteige, aber jedenfalls ein einfaches Hotel, unscheinbar und nicht gerade repräsentabel. Ein Kleinbetrieb, wie man ihn in jeder beliebigen Grossstadt zu Dutzenden, wenn nicht Hunderten findet.

Das "Hôtel de Sully" hingegen ist ein grosses, schönes, sorgfältig renoviertes und überaus repräsentables Stadtpalais. Erbaut 1624 für den Financier Mesme-Gallet, zehn Jahre später gekauft vom ersten Herzog von Sully, Maximilien de Béthune, der ein Vermögen ausgab, das Haus hochherrschaftlich einzurichten, obwohl er nur wenige Jahre seines Lebens hier verbrachte. Von ihm bekam das Haus seinen Namen. Es verblieb bis ins 18. Jahrhundert im Besitz der Familie de Sully, dann wurde es verkauft, mehrfach umgebaut, es behergbergte Wohnungen und Handwerksbetriebe.

Obwohl es 1862 unter Denkmalschutz gestellt wurde, blieb es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein entstellt durch die vielfältigen An- und Umbauten. Erst durch eine vorbildliche Renovierung, vorgenommen aufgrund von zeitgenössischen Darstellungen und Plänen aus den Archiven, wurde das Hôtel de Sully bis 1973 wieder zum repräsentablen Stadtpalais. Es ist heute der Sitz des Centre des monuments nationaux, eine öffentliche Einrichtung, die historische Monumente, die sich in Staatsbesitz befinden, der Öffentlichkeit zugänglich macht. (Quelle: der Guide bleu Paris, S. 368, und der Wikipedia-Artikel zum Hôtel de Sully)


So sehen wir hier, in unmittelbarer Nachbarschaft, nicht nur die beiden Bedeutungen des Wortes "hôtel" demonstriert, sondern auch den Kontrast zwischen dem prachtvollen Paris und dem einfachen und unscheinbaren Allerweltshotel einer beliebigen Grossstadt.


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