Mittwoch, 13. Februar 2013

Repräsentant und Gefangener des Systems

Der Papst tritt zurück! Als altkatholischer Theologe habe ich das Heu naturgemäss nicht mit Benedikt XVI. auf der gleichen Bühne, aber seine Rücktrittsankündigung nötigt mir Respekt ab. Sie bestärkt mich aber in der Auffassung, dass der Papst als absoluter Herrscher nicht nur Repräsentant eines autoritären Systems ist, sondern auch Gefangener dieses Systems.

Der Papst ist innerhalb der römisch-katholischen Kirche Träger der „höchsten, vollen, unmittelbaren und universalen ordentlichen Gewalt“ (CIC 331). In gewisser Weise war Joseph Ratzingers Wahl zu Papst Benedikt XVI. folgerichtig, denn er war und ist Repräsentant jener theologischen Schule, welche diese Primatialgewalt des Papstes voraussetzt, in ihrer theologischen Bedeutung betont und argumentativ untermauert. Auch wenn ich selbst diese theologische Schulmeinung keineswegs teile, so möchte ich doch einräumen, dass Benedikt XVI. der scharfsinnigste Vertreter dieser Meinung ist.

Schon als Kardinal war Joseph Ratzinger derjenige Theologe mit dem grössten Einfluss auf die offizielle theologische Linie der römisch-katholischen Kirche. Es ist davon auszugehen, dass schon zu seiner Zeit als Präfkt der Glaubenskongregation jedes einigermassen wichtige vatikanische Dokument vor der Veröffentlichung über seinen Schreibtisch lief. Um seiner theologischen Meinung zum Durchbruch zu verhelfen, hatte er nicht nur die Kraft des Arguments zur Verfügung, sondern, und vielleicht wichtiger, die Autorität des Amtes.

Als er Papst wurde, hat sich diese Amtsautorität weiter gesteigert. Benedikt XVI. hat zwar nie eine Lehre ex cathedra und unter Berufung auf die dem Papst vom Ersten Vatikanischen Konzil zugesprochene Lehrunfehlbarkeit verkündet. Das ändert nichts daran, dass jede Äusserung des Papstes eben eine Äusserung des Papstes ist, des Trägers jener höchsten, vollen und universalen Autorität.

Und genau dies zeigt uns, was der Papst bei aller Gewalt, die er auf sich vereinigt, nicht kann: Er kann sich nicht am theologischen Diskurs beteiligen. Er kann nicht auf Augenhöhe mit anderen Theologinnen und Theologen in eine Diskussion eingreifen, seine Meinung äussern, und diese Meinung in gleicher Weise der theologischen Kritik aussetzen, wie es in der theologischen Wissenschaft üblich ist. Seine Meinung wird immer die Meinung des Papstes sein, des Trägers der höchsten Autorität, auch wenn er diese Autorität gar nicht anwenden will. Der Papst kann sich - systembedingt -  an der theologischen Diskussion nicht beteiligen, er kann sie nur entscheiden.

Es gibt Anzeichen, dass Papst Benedikt XVI. mit dieser Situation nicht glücklich war. Seine „Jesus von Nazareth“-Trilogie ist als Beitrag zum theologischen Diskurs konzipiert und erhebt von ihm selbst her keinen Anspruch auf lehramtlich-dogmatische Autorität. Seine vielkritisierte Regensburger Rede will eine akademische Vorlesung sein, in gewissem Sinn seine Abschiedsvorlesung, er war ja seit 1969 Professor an der Universität Regensburg gewesen. Dennoch wurde diese Vorlesung, wie die geharnischten Reaktionen zeigen, viel mehr als das Wort des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche denn als ein Beitrag zum theologischen Diskurs eines Regensburger Professors wahrgenommen.

Auch die Umstände seines Rücktritts deuten darauf hin, dass Benedikt XVI. nicht nur seine Gesundheit, sondern auch sein amtsbedingter Ausschluss aus dem theologischen Diskurs auf Augenhöhe zu schaffen gemacht haben. Er will sich, so konnte man lesen, nach seiner Emeritierung, ins Kloster zurückziehen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Benedikt XVI. „wolle seine Zeit dem Gebet, dem Nachdenken und eventuell dem Schreiben“ widmen, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi gemäss Spiegel Online gesagt hat. Nachdenken - und schreiben. Nachdenken, ohne dass er dabei zu einer für alle verbindlichen Entscheidung kommen muss. Schreiben, ohne dass das Geschriebene als offizielle päpstliche Verlautbarung verstanden wird. Vielleicht hat ihm diese Freiheit, sich am theologischen Diskurs zu beteiligen, in seinem Amt gefehlt.

Was mir dabei zu denken gibt: der höchste Repräsentant des römisch-katholischen Systems, sein scharfsinnigster Verfechter und zugleich derjenige, dem dieses System die Fülle der Autorität und Macht zugesprochen hat, ist selbst ein Gefangener des Systems. Auch wenn seine Autorität die höchste und volle ist, so ist sie doch beschränkt durch das System, das ihm diese Autorität zuspricht. Dies führt mich erneut zur Überzeugung, dass das System selbst das Problem ist, und nicht einzelne seiner Repräsentanten.

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