Dienstag, 19. Februar 2013

„Kein Täter werden“

„Kein lebenslanges Berufsverbot für verurteilte Pädophile“, so lesen wir im „Blick am Abend“ vom letzten Freitag. Es geht um eine Volksinitiative, es geht um Strafrechtsverschärfungen im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Täter bestrafen ist das eine – doch was könnte man tun, damit sie gar nie zu Tätern werden?

Pädophilie – sexuelle Erregbarkeit durch Kinder – ist eine  Störung der Sexualpräferenz und ein sehr dunkles Kapitel. Dies deswegen, weil jedes Ausleben dieser Neigung eine Straftat ist. Eine schwere Straftat, kein Kavaliersdelikt – sei es der direkte, eigene sexuelle Missbrauch von Kindern, sei es der indirekte durch Kinderpornographie, hinter der wiederum ein Missbrauch steht. All das steht zu recht unter Strafe, aber reicht es, die Straffälligen zu bestrafen? Wichtig wäre es doch, Pädophile würden ihre Neigung nicht ausleben, nicht zu Straftätern werden, keine Opfer machen. Und am besten nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Einsicht.

Kein Täter werden“, so lautet die Aufgabe, das gesellschaftliche Ziel – und so heisst auch das Präventionsprojekt, das in Deutschland von einem Netzwerk von Universitätskliniken, unter anderem der Berliner Charité, durchgeführt wird. Letzten Oktober habe ich zu diesem Präventionsprojekt einen Artikel im ZEITMagazin gelesen, wo ein Pädophiler, der an der entsprechenden Therapie teilgenommen hat, ein Jahr lang von einem Journalisten begleitet wurde. Solche Präventionsprojekte sollte es mehr geben, denn dies ist, so meine ich, der einzig gangbare Weg, mit einer solchen Störung der Sexualpräferenz umzugehen: kein Täter werden, damit kein Kind zum Opfer werden muss.

Verlässliche Zahlen sind kaum bekannt, aber (zu) viele Pädophile gehen andere Wege, werden zu Tätern, verursachen Leid, werden verurteilt, oder auch nicht – über die Dunkelziffer kann man nur spekulieren. Manche haben ein schlechtes Gewissen dabei, anderen scheint jede Empathie mit ihren Opfern abzugehen. Manche schliesslich rationalisieren und rechtfertigen ihr Tun, behaupten, ihre sexuellen Missbräuche von Kindern seien gar keine Missbräuche, sondern sie würden einvernehmlich geschehen – eine besonders verwerfliche Denk- und Handlungsweise, finde ich, weil sie dem Opfer über den Missbrauch hinaus auch noch die Verantwortung für das Geschehene zuspricht. (Zu) wenige Pädophile schliesslich sind in einem Projekt wie „Kein Täter werden“ und versuchen ernsthaft, keine Opfer zu machen.

Ob es ihnen gelingt? Das ist schwer zu sagen, das wissen auch die Verantwortlichen des Präventionsprojektes. Die Projektverantwortlichen legen aber – zu recht, wie ich meine – wert darauf, dass Pädophilie als Sexualpräferenz und sexueller Kindsmissbrauch nicht deckungsgleich sind, und versuchen, das ihre dazu beizutragen, damit aus dem einen nicht das andere folgt. Dabei vermeiden sie es, Straftaten zu verharmlosen, im Gegenteil. Ziel ist nicht, den Täter zu entschuldigen, sondern zu verhindern, dass es mehr Opfer gibt.

Ich habe diesen Blogbeitrag mehrfach umgeschrieben, es bleibt ein düsteres und bedrückendes Thema – aber eines, über das man, so finde ich, sprechen muss. Ganz besonders über Wege, Missbrauch zu verhindern, bevor er geschieht.

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