Sonntag, 27. Januar 2013

Zettelkästen und Internetrecherchen



Das Internet hat Bibliotheksrecherchen für Wissenschaftler deutlich einfacher gemacht. Es gibt aber erstaunliche Nebeneffekte der digitalisierten Welt: Informationen, die heute schwieriger zu beschaffen sind, als damals, wo Bibliothekskataloge noch Karteikasten waren. Deshalb hier ein Stück Bibliotheksgeschichte aus eigener Erfahrung.

Als wissenschaftlich Tätiger bin ich oft in der Situation, dass ich einen bestimmten Artikel aus einer bestimmten wissenschaftlichen Fachzeitschrift suche. Dabei kann es geschehen, dass diese Zeitschrift sich in einer Bibliothek befindet, die an einem anderen Ort ist, als ich selbst mich physisch aufhalte.

In grauer Vorzeit hiess das wohl, dass man sich selbst physisch an den Ort begeben musste, wo diese Bibliothek war, um dort die Zeitschrift einzusehen oder auszuleihen. Zugegeben, ich selbst habe diese graue Vorzeit nicht mehr erlebt. Schon zu meiner Studienzeit gab es Fernleihe: Man musste einen Zettel ausfüllen und der Bibliothekarin oder dem Bibliothekar seines Vertrauens in der eigenen Heimatbibliothek abgeben, der dann den Band in der fremden Bibliothek bestellte. Nach einigen Tagen konnte man ihn dann abholen, den gewünschten Artikel einsehen, vielleicht photokopieren und den Band wieder abgeben. Das kostete zwar eine Kleinigkeit, aber weniger als ein Bahnbillett zur anderen Bibliothek, und vor allem war es wesentlich bequemer und weniger zeitaufwändig.

Doch das war nicht alles: wenn man nur einen bestimmten Artikel aus der Zeitschrift brauchte, konnte man sich den photokopieren und per Post nach Hause schicken lassen. Dazu füllte man wieder ein Formular aus und bezahlte einen gewissen Betrag (damals wie heute acht Franken), worauf jemand von der Bibliothek, in der sich die Zeitschrift befand, den entsprechenden Artikel photokopierte und in ein Couvert steckte. So musste der Zeitschriftenband seine Heimatbibliothek nicht einmal verlassen.

Dann kam die schöne neue elektronische vernetzte Welt, und alles wurde einfacher: Man muss heute keine komplizierten Papierformulare mehr ausfüllen, sondern kann Bücher wie Zeitschriftenbände übers Internet bestellen. Man kann sie sich wenigstens bei manchen Bibliotheken per Kurierdienst in eine andere Bibliothek kommen lassen, und das viel einfacher, schneller und billiger als einst per Fernleihe. Immer noch kann man sich auch Einzelartikel bestellen, doch heutzutage muss man nicht mehr auf den Briefträger warten, sondern kann sich den Artikel auch gescannt als PDF per E-Mail schicken lassen. Das kostet zwar immer noch acht Franken, ist aber sehr einfach und bequem. Und es ist ein Grund, nicht der einzige, einmal allen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ein dickes Lob auszusprechen: Ihr leistet hervorragende Arbeit!

Doch die schöne neue elektronische vernetzte Welt entwickelt sich weiter: Mehr und mehr Zeitschriften erscheinen heutzutage auch in elektronischer Form. Für Forschende hat dies Vorteile, die unmittelbar ins Auge stechen, denn so sind Zeitschriftenartikel via Datenbankrecherche viel leichter auffindbar. Doch die Sache hat auch ihre Tücken: Wenn man mittels einer solchen Datenbankrecherche einen Zeitschriftenartikel gefunden hat, will man natürlich, wie schon in der vorelektronischen Zeit, diesen Artikel einsehen, lesen, vor sich haben. Nun sind aber Zeitschriftenabonnements irre teuer, und die Budgets der Universitätsbibliotheken können da oft nicht Schritt halten. Deshalb gehen Universitätsbibliotheken dazu über, manche Zeitschriften nur noch in elektronischer Form zu abonnieren und auf die Papierausgabe zu verzichten. Die elektronische Zeitschrift haben sie dann in einer Campuslizenz, das heisst, man kann von einem Computer, der sich im internen Netzwerk der Universität befindet, darauf zugreifen. Angehörige der eigenen Universität – Studierende wie Lehrende – können sich meist mit Hilfe eines VPN-Tunnels mit ihrem Campusaccount ins Netzwerk der Universität einloggen und haben dann auch von zu Hause aus Zugriff auf die elektronischen Zeitschriften ihrer Heimatuniversität.

Aber wie ist es mit Angehörigen anderer Universitäten? Wie ist es, wenn ich, Angehöriger der Universität Bern, einen Artikel aus einer Zeitschrift haben möchte, die meine Heimatbibliothek gar nicht, eine andere Universitätsbibliothek – sagen wir Zürich – zwar sehr wohl abonniert hat, jedoch nur in elektronischer Form?
Erraten, es ist wie in grauer Vorzeit: Ich muss mich physisch an den Ort der anderen Bibliothek begeben, also nach Zürich fahren, um dort im Lesesaal an einem der Abfrageterminals, das zum Campus der Universität Zürich gehört, auf die elektronische Zeitschrift zuzugreifen. Ich kann sie dann ausdrucken, auf einen USB-Stick speichern oder mir per E-Mail selbst nach Hause schicken – aber ich muss selbst physisch anwesend sein. Der nette Bibliothekar darf zwar die Papierausgabe der Zeitschrift für mich auf den Scanner legen und mir schicken, aber er darf mir nicht von der elektronischen Ausgabe ein PDF mailen. Würde er es tun, so verletzte er die Lizenzbestimmungen. Schöne neue Welt.

Versteht mich nicht falsch: Die Zentralbibliothek Zürich hat einen schönen Lesesaal und sehr freundliches Bibliothekspersonal, das auch nichts für die Preispolitik und die strengen Lizenzierungsregeln der Zeitschriftenverlage kann. Aber es wäre halt schon praktisch, wenn auch ich als Lehrender und Forschender an der Universität Bern einen Campusaccount der Universitäten Basel, Zürich, Luzern, St. Gallen, Fribourg, Genf… bekommen könnte. Für alle Studierenden wird man das nicht verwirklichen können, das würde die Lizenzgebühren wohl in exorbitante Höhen treiben. Aber für Forschungstreibende sollte es doch eigentlich möglich sein.

Liebe Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, gibt es schon ein Projekt „Forschungscampus Schweiz“, das die elektronischen Bestände aller wissenschaftlichen Bibliotheken der Schweiz allen Forschenden mit einer einheitlichen Campuslizenz zugänglich macht?

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